Mein Redebeitrag auf der Demo und dem Rave „Bildungsprotest — eine andere Uni ist möglich“.

Der Text meiner Rede, die ich am 27. November 2014 auf der Demo und dem Rave „Bildungsprotest — eine andere Uni ist möglich!“ der RaveGuerilla und der Studierendenvertretung der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Erlangen gehalten habe:

Hallo! Mein Name ist Moritz Michelson. Ich bin von der RaveGuerilla, die diese Demo und diesen Rave zusammen mit der Studierendenvertretung veranstaltet. Schön, dass ihr alle mit dabei seid!

Vor genau fünf Jahren um diese Uhrzeit saß ich mit vielen weiteren Studierenden, von denen einige auch heute hier sind, im Audimax der FAU, das wir aus Protest für einen ganzen Monat Tag und Nacht besetzt hatten. Der Name dafür war „FAUbrennt“.

Im besetzten Audimax haben wir über Hochschulpolitik und Gesellschaft diskutiert, Vorstellungen, Konzepte und Forderungen entwickelt, Texte über Texte geschrieben, Aktionen, Demos und uns in Gruppen organisiert, Vollversammlungen abgehalten, zu Info- und Podiumsdiskussion und zu Vernetzungstreffen mit weiteren Unis von überall her eingeladen, Filme gezeigt, und abends auch gefeiert mit Livebands, Konzerten, Musik. Achja, und Bücher über Bücher gelesen haben manche auch noch. Das alles mit tausenden Studierenden. Dies hat im November und Dezember 2009 so auch nicht nur in Erlangen stattgefunden, sondern an vielen Hochschulen, Schulen und Bildungseinrichtungen — global. Diese Proteste wurden hier als „Unibrennt“ und „Bildungsstreik“ oder „Bildungsprotest“ bezeichnet und haben auch weltweit im „International Student Movement“ kooperiert.

Doch warum erzähle ich euch das? Was habe ich davon mitgenommen, das euch zu wissen eventuell etwas bringen könnte? Diese drei Punkte finde ich in der Retrospektive wichtig:

1. Es kann leider durchaus sehr lange dauern, bis Erfolge eintreten. Aber sie sind möglich!
Von den Kernforderungen, die wir damals hatten, gelten viele heute auch noch:
– Mehr echte, demokratische Mitbestimmung an der Universität.
– Freie Gestaltung von Studienplan, Studienablauf und Studiendauer (anstatt schnellstmöglicher profitabler Verwertung auf dem Markt).
– Stabile, öffentliche Finanzierung der Hochschulen inklusive aller Fachbereiche, unabhängig von der Wirtschaft.
– Freier Zugang zu den Universitäten und zum Bildungssystem für alle, das heißt ohne Studiengebühren und andere diskriminierende Einschränkungen.
Doch den letzten Punkt, das heißt die Abschaffung der Studiengebühren, haben wir nach langen Jahren des Engagements hier 2013 erreicht! Auch wenn weiterhin von einzelnen wenigen Politikern eine Wiedereinführung der Gebühren gefordert wird, und es leider in vielen anderen Ländern weltweit immer noch Studiengebühren gibt, ist die klare Message, dass echter Erfolg möglich ist!
In Erlangen hatten wir beim bayernweiten Volksbegehren sogar den höchsten Prozentsatz an Stimmen für die Abschaffung der Studiengebühren. Meiner Meinung nach lag das daran, weil sich hier einige Gruppen gebildet haben, die langfristig für diese Ziele politisch aktiv waren. Und viele Menschen durch die Proteste überhaupt erst politisch-organisatorisch aktiv wurden und das bis heute sind.

2. Es war gut, dass in der Zeit der Besetzung die Universität tatsächlich mal ein Raum war, um Demokratie zu leben. Sonst ist das zwischen Pflichtvorlesung, streng reglementierter Studiendauer, und Arbeit nicht vorgesehen, und nur schwer möglich. Ein Raum für Demokratie sollte eine Hochschule jedoch immer sein! Zumindest wenn sie dem Anspruch von Bildung genügen will, der für eine Gesellschaft, die Demokratie und universelle Menschenrechte umsetzt, notwendig ist. Und genau dafür protestieren wir heute: Für demokratische Unis mit wirklichem Bildungsanspruch! Weltweit.
Zum Thema „alternativlos“:
Wenn ich gefragt werde: Entweder-Oder: Willst du eine Uni, die bestes Wissen auf dem neuesten Stand der Forschung vermittelt, oder eine, die universelle Menschenrechte, Demokratie und Ethik als Menschenbild beinhaltet, sage ich: Ich will beides! Und beides ist auch möglich.
Wenn ich gefragt werde: Entweder-Oder: Willst du, dass die Unis gut finanziert werden und keine Gebäude einstürzen, oder dass stattdessen Krankenhäuser, Schulen und soziale Institutionen und Errungenschaften top ausgestattet sind, sage ich: Ich will beides! Und beides ist auch möglich. Global. Auch wenn dies die Gewinne großer Unternehmen (da gibt es in Erlangen auch welche) durch Steuern leider etwas verringern würde. Da pflichten mir auch namhafte Ökonomen wie Paul Krugman, Thomas Piketty und Joseph Stiglitz bei. Der Nobelpreisträger Stiglitz verdeutlicht das in vielen seiner Texte: Die Austeritäts- und Sparpolitik sowie die extreme Ungleichheit ist eine politische Wahl — wir entscheiden uns dazu; es ist nicht unumstößlich. Genauso ist es. Eine andere, bessere Uni ist möglich!

3. Politik kann und darf auch Spaß machen! Das hat es, wie oben illustriert, zum Beispiel im besetzten Audimax. Und das soll es auch heute. Und genau deshalb haben wir die RaveGuerilla gegründet. Entweder eine wichtige politische Message für die Umsetzung des Menschenrechts auf Bildung für alle Menschen deutlich nach außen in die Öffentlichkeit und den öffentlichen Raum tragen — oder Spaß dabei haben? Beides!

Danke und bis zum nächsten Mal!

Siehe auch meine Rede auf der Demo “Die Kochstraße ist überall!” gegen die Unterfinanzierung von Universitäten am 28. November 2013.

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